GESCHICHTE

Vor mehr als 100 Jahren wurde Raeto-Bavaria gegründet. Diese große Tradition ist unsere Basis, die Aufrechterhaltung der Werte unserer Gründerväter ein verantwortungsvolles Vermächtnis, die Orientierung an einer modernen christlichen Gesellschaft unsere Mission.

Die Gründung der AV Raeto–Bavaria erfolgte in einer politisch brisanten Zeit. Auf universitärem Boden standen sich die national-liberale und die katholische Studentenschaft unversöhnlich gegenüber. Die katholischen Studentenverbindungen distanzierten sich insbesondere vom blutigen Duellcomment und von der Ignoranz gegenüber dem Christentum.

Um an der Leopold-Franzens-Universität das Lager der katholischen Studenten zu stärken, wurde im Sommer 1908 die Gründung einer dritten CV-Verbindung neben der AV Austria und der KÖHV Leopoldina ins Auge gefasst. Nach längeren Beratungen beschloss die KÖHV Leopoldina am 19.6. 1908 die Neugründung zu wagen und die Leopolden Heinz Stecher v/o Laurin, Arthur Meichelbeckh v/o Gunther, Adolf Hutle v/o Ado, Edmund Vergeiner v/o Werner und Emil Schneider v/o Falk dafür abzustellen. Außerdem trat sie die Füchse Karl Mutschlechner, Oskar Schuchter und Anton Wiedemann an ihre Tochterverbindung ab.

Auf dem 1. Convent der neuen Verbindung am 1. Juli 1908 entschieden sich die Gründer für den Namen „Raeto–Bavaria“, in Anlehnung an die Stämme der Raeter und der Bajuwaren, für die Burschenfarben hochrot-weiß-hellblau und die Fuchsenfarben weiß-hellblau. Zum Wahlspruch der Raeto–Bavaria wurde der Georg von Frundsberg (1473 – 1521) zugeschriebene Ausspruch „Viel Feind, viel Ehr!“ gewählt. Dieser Ausspruch bedeutet nicht im engen Sinne militärische Kampfeslust, sondern die Bereitschaft seine Überzeugung zu verteidigen, auch wenn diese einmal keinen öffentlichen Beifall finden sollte. Zu den ersten Chargen wurden gewählt: Heinz Stecher v/o Laurin zum Senior, Adolf Hutle v/o Ado zum Consenior, der von Austria Wien zugezogene Anton Scheiber v/o Faßl zum Fuxmajor, Edmund Vergeiner v/o Werner zum Schriftführer und Arthur Meichelbeckh v/o Gunther zum Kassier. Die Melodie des Bundesliedes stammt aus der Feder des damaligen Domorganisten zu Brixen, dem R-B-Ehrenmitglied Msgr. Ignaz Mitterer. Der Text dazu wurde vom Alten Herren Dr. Josef Mallepell v/o Leps geschrieben. Die R-B-Burschenstrophe stammt vom Gründungssenior Heinz Stecher, die Fuxenstrophe vom Leopolden Meyer.

Die ersten Verbindungssemester waren geprägt von der Gewinnung von Nachwuchs, der Suche nach einer eigenen Bude und mehreren Zusammenstößen mit deutschnationalen Studentenverbindungen. Diese Kämpfe erlebten in der Nacht vom 4. auf den 5.12.1912 ihren traurigen Höhepunkt. Auf dem Heimweg vom Tanzkurs kamen einige Angehörige der Raeto-Bavaria am Gasthaus Breinößl vorbei, in welchem sich das Kneiplokal des Corps Gothia befand. Nachdem man sich einige Beleidigungen an den Kopf geworfen hatte, sprachen die Fäuste. Max Ghezze v/o Roland wurde dabei von mehreren Gegnern gleichzeitig attackiert und brach, nach dem die Polizei die Streitenden getrennt hatte, bewusstlos zusammen. Anstatt den Schwerverletzten medizinisch versorgen zu lassen, sperrte die städtische Polizei ihn jedoch grundlos in eine Ausnüchterungszelle. Nachdem die Bundesbrüder Max Ghezze am nächsten Tag vergebens in der Klinik gesucht hatten, fanden sie ihn in Polizeigewahrsam. Trotz sofortiger medizinischer Behandlung erlag er am 6.12.1912 seinen schweren Verletzungen ohne das Bewusstsein wieder erlangt zu haben. Ghezze war das einzige, direkt auf die Auseinandersetzung mit der schlagenden Studentenschaft zurückzuführende katholische Todesopfer in der Zeit des Akademischen Kulturkampfs.

Der 1. Weltkrieg (1914-18) kostete fünf Bundesbrüder das Leben und die Verbindung musste in den ersten Nachkriegsjahren um ihren Fortbestand kämpfen. Am Schlusspunkt dieser Konsolidierung stand 1922 die Gründung eines Altherrenverbandes mit dem Gründungssenior Dr. Heinz Stecher an der Spitze.

Durch den Einmarsch deutscher Truppen im Jahr 1938 wurde nicht nur Österreich von der Landkarte getilgt, sondern auch die Verbindung schwer getroffen. Raeto-Bavaria wurde ausgeplündert und bis 1945 verboten. Die Ausplünderung betraf das gesamte Buden-Inventar. Nur der Chargenstuhl konnte im nachhinein gerettet werden und schmückt heute noch den R-B-Kneipsaal. Sieben Raeto-Bayern wurden inhaftiert, drei davon in Konzentrationslagern. 15 Bundesbrüder sollte das „1000-jährige Reich“ das Leben kosten.

Am 14.7.1945 fanden sich die Bundesbrüder in Innsbruck wieder zusammen, um neben dem Vaterland auch ihre Verbindung wiederaufzubauen. Am 6.9.1946 erging der Bescheid der Sicherheitsdirektion für Tirol, welcher der AV Raeto–Bavaria nun auch offiziell die Wiederaufnahme ihrer Tätigkeit gestattete. In dieser Zeit wurden das weiß – hellblaue Fuchsenband durch ein hochrot – hellblaues ersetzt.

Nach den anstrengenden Jahren des Wiederaufbaus konnte die Verbindung vom 24.-26.5.1958 in Innsbruck das 50. Jahr ihres Bestehens feiern. Im Studienjahr 1964/65 wurde mit Univ.-Prof. Dr. Ludwig Hörbst zum ersten Mal ein Raeto-Bayer zum Rektor der Universität Innsbruck gewählt. 1966 konnte die Verbindung erstmals ein eigenes Heim in der Bürgerstrasse 12 erwerben.

Mit besonderem Stolz erfüllte die Verbindung die Weihe ihres Alten Herrn Dr. Reinhold Stecher v/o Laurin zum Bischof der Diözese Innsbruck am 25.1.1981. Am 29.1.1981 starb im 93. Lebensjahr Fidissimus Dr. Karl Mutschlechner v/o Dr. cer. Cralo. Raeto–Bavarias letzter Gründungsfuchs hinterließ seiner Korporation sein Haus in der Speckbacherstrasse 5. Nach aufwendigen Renovierungsarbeiten wurde es am 15.12.1990 geweiht und dient seither der Verbindung als Heimstatt.

Anlässlich des Stiftungsfests 2007 wählte das Philisterium mit Mag. Christof Spielberger v/o Dr. cer. Stoffl einen neuen Philistersenior, womit die entscheidenden Weichen für die Feier "100 Jahre AV Raeto-Bavaria" gestellt waren. Mit der Feier des 100. Stiftungsfests vom 20.-22.6.2008 unter dem Jubelsenior Dr. Thomas Kaier v/o Joker brach gleichsam Raeto-Bavarias zweites Jahrhundert an, welches sich hoffentlich als ebenso erfolgreich wie das vergangene erweisen wird.

Zu Beginn des Jahres 2013 musste Raeto-Bavaria einen herben Verlust hinnehmen: Am 20.1. verstarb Altbischof Dr. Reinhold Stecher v/o Dr. cer. Laurin. Er war der Sohn des R-B-Gründungsseniors Heinz Stecher und immer ein begeistertes und bekennendes Mitglied unserer Verbindung. Unvergessen bleiben seine Stellungnahmen zu tief gehenden religiösen aber auch unbequemen Themen. Wortgewaltig in wunderbar geschliffener Sprache, glaubhaft und bewegend waren seine Reden und Predigten. Im Gedenken an sein allseits anerkanntes Wirken als Bischof von Tirol wurde bereits bald nach seinem Tod der Platz vor der Innsbrucker Universitätskirche als „Bischof Reinhold Stecher-Platz“ benannt.

Die höchste Auszeichnung der Raeto-Bavaria, den "Fidissimus", trägt derzeit Dr. Helmut Stelzhammer v/o Dr. cer. Alf, der seit vielen Jahren in maßgeblichen Funktionen die Verbindung geprägt hat. Im Herbst 2013 erhielten zwei verdiente Alte Herren der Raeto-Bavaria die höchste couleur-studentische Auszeichnung verliehen, den „Dr. cerevisiae“. Über 25 Jahre haben sie ehrenamtlich zwei wichtige Funktionen in der Altherrenschaft der Verbindung übernommen und gewissenhaft geführt: Mag. Bernhard Pichl als Kassier und Hermann Fetz als Schriftführer. Für die Jahre 2013/2014 war Raeto-Bavaria mit dem Präsidium des ICV-Innsbrucker Cartell Verband betraut und stellte mit Peter Eberhard v/o Peter Pan den ICV-Senior. Unter seiner Führung wurde ein ICV-Kulturtag aus der Taufe gehoben, der durch gemeinsames Erleben auch die Gemeinschaft der einzelnen Innsbrucker CV-Verbindungen stärken soll.

Bisherige, noch lebende Philistersenioren waren Univ.-Prof. Dr. Elmar Kornexl v/o Dr. cer. Beff, Dr. Georg Santer v/o Dr. cer. Minus, MMag. Dr. Georg Fritz v/o Vishnu und Dr. Helmut Stelzhammer v/o Dr. cer. Alf.

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